Das Tourette-Syndrom betrifft schätzungsweise jedes hundertste Schulkind und zählt damit zu den häufigeren neuropsychiatrischen Entwicklungsstörungen – dennoch fehlt bis heute eine umfassende wissenschaftliche Theorie, die erklärt, warum Tics entstehen, wie sie sich verändern und warum Betroffene sie manchmal unterdrücken können. Für Familien und behandelnde Fachkräfte bedeutet diese Wissenslücke oft Unsicherheit bei Diagnose und Therapiewahl. Die Tourette-Syndrom Forschung in Dresden, verankert in der DFG-Forschungsgruppe FOR 2698, setzt genau hier an. Unter der Co-Sprecherschaft von Prof. Dr. Christian Beste an der TU Dresden arbeitet die Gruppe daran, eine empirisch fundierte kognitive Theorie zu entwickeln – und damit die Grundlage für bessere Therapieansätze zu schaffen.
Was ist die DFG-Forschungsgruppe FOR 2698?
Die DFG-Forschungsgruppe FOR 2698 trägt den offiziellen Titel „Cognitive Theory for Tourette Syndrome” und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Sie wurde 2018 eingerichtet und bringt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus mehreren deutschen Forschungsstandorten zusammen, um die kognitiven und neurophysiologischen Grundlagen des Tourette-Syndroms systematisch zu untersuchen. Das übergeordnete Ziel ist die Entwicklung einer kohärenten Theorie, die erklärt, wie kognitive Kontrollprozesse mit der Entstehung und dem Verlauf von Tics zusammenhängen.
Prof. Dr. Christian Beste an der TU Dresden ist Co-Sprecher des Verbunds und verantwortet dort die neurophysiologische Grundlagenforschung, insbesondere den Einsatz von EEG-Methoden zur Untersuchung kortikaler Netzwerkdynamiken.
Warum braucht die Tourette-Forschung eine kognitive Theorie?
Tourette-Syndrom wurde lange Zeit primär als motorische Störung betrachtet – als Problem der Bewegungskontrolle, das sich in unwillkürlichen Tics äußert. Neuere Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass kognitive Prozesse eine zentrale Rolle spielen: wie das Gehirn Handlungen plant, auswählt, hemmt und überwacht. Ohne eine theoretische Rahmung, die diese Dimensionen systematisch einbezieht, bleiben Diagnose und Therapie zwangsläufig unvollständig.
Die FOR 2698 schließt diese Lücke, indem sie neurophysiologische Messdaten mit psychologischen Theorien der Handlungskontrolle verbindet. Dieser Ansatz entspricht dem Konzept der Psychologischen Neurowissenschaft, das Prof. Dr. Christian Beste entwickelt hat und das die konzeptionelle Strenge der Psychologie mit den Methoden der Neurophysiologie zusammenführt.
Welche Forschungsfragen stehen im Mittelpunkt?
Die Tourette-Syndrom Forschung in Dresden und den beteiligten Partnerstandorten bearbeitet im Rahmen der DFG FOR 2698 mehrere zentrale Fragestellungen, die eng miteinander verknüpft sind.
Wie entstehen Tics aus neurophysiologischer Sicht?
Tics sind keine einfachen Reflexe, sondern das Ergebnis komplexer Wechselwirkungen zwischen kortikalen und subkortikalen Netzwerken. Die Gruppe untersucht mit EEG, welche neuronalen Prozesse Tic-Ausbrüchen vorausgehen und welche Rolle der frontale Kortex sowie die Basalganglien dabei spielen. Eine zentrale Hypothese lautet, dass Tics nicht als Kontrollverlust, sondern als eine Art Überschuss an Handlungsimpulsen verstanden werden können – ein Ansatz, den Beste und Münchau bereits 2018 in Movement Disorders wissenschaftlich begründet haben.
Welche Rolle spielt kognitive Kontrolle?
Kognitive Kontrolle beschreibt die Fähigkeit des Gehirns, Handlungen zu planen, zu priorisieren und bei Bedarf zu hemmen. Bei Tourette-Syndrom sind diese Prozesse verändert – aber nicht zwingend in Richtung eines einfachen Defizits. Die Dresdner Forschung zeigt, dass Betroffene in bestimmten kognitiven Aufgaben sogar Vorteile zeigen können, was auf eine veränderte, nicht notwendigerweise schlechtere Verarbeitung hindeutet. Diese Perspektive ist ein wesentlicher Beitrag zur Neubewertung der Erkrankung in Wissenschaft und Gesellschaft.
Was bedeutet erhöhte Wahrnehmungs-Handlungs-Bindung?
Eine besonders relevante Entdeckung der Dresdner Forschung ist der Nachweis einer erhöhten Wahrnehmungs-Handlungs-Bindung bei Betroffenen, dokumentiert in einer 2020 in Brain publizierten Studie (Kleimaker et al.). Wahrnehmungs-Handlungs-Bindung beschreibt, wie eng das Gehirn sensorische Eindrücke mit motorischen Reaktionen verknüpft. Eine stärkere Bindung kann erklären, warum bestimmte Reize bei Betroffenen häufiger Tics auslösen als bei nicht betroffenen Personen.
Wie ist der Forschungsverbund organisiert?
Die DFG-Forschungsgruppe FOR 2698 ist ein Verbundprojekt, das mehrere deutsche Universitäten und Forschungseinrichtungen einschließt. Die Dresdner Beteiligung unter Prof. Dr. Christian Beste konzentriert sich auf die neurophysiologische Grundlagenforschung mit EEG und nicht-invasiver Hirnstimulation.
Welche Methoden setzt die Dresdner Gruppe ein?
Im Rahmen des Verbunds arbeitet das Team von Prof. Dr. Christian Beste mit folgenden Methoden:
- Hochauflösende EEG-Analyse zur Erfassung kortikaler Netzwerkdynamiken in Echtzeit
- Transkranielle Magnetstimulation (TMS) zur Untersuchung kausaler Gehirn-Verhalten-Zusammenhänge
- Transkutane Vagusnervstimulation (tVNS) als nicht-invasives Stimulationsverfahren mit therapeutischem Potenzial
- Computational Modelling zur Verknüpfung neurophysiologischer Daten mit Handlungskontrollmodellen
- KI-Methoden und maschinelles Lernen zur Auswertung komplexer EEG-Datensätze
Welche Publikationen sind im Rahmen des Verbunds entstanden?
Die Forschungsgruppe hat eine Reihe bedeutender Arbeiten veröffentlicht. Dazu zählen unter anderem:
- Kleimaker et al. (2020): Erhöhte Wahrnehmungs-Handlungs-Bindung, publiziert in Brain
- Beste & Münchau (2018): Tics als Überschuss an Handlungen, publiziert in Movement Disorders
- Bartha et al. (2023): Motorische Tics bei gesunden Menschen als mögliche Normvariante, publiziert in Annals of Neurology
- Münchau, Klein & Beste (2024): Rethinking Movement Disorders, publiziert in Movement Disorders
Einen vollständigen Überblick bieten das Google Scholar-Profil von Prof. Dr. Christian Beste sowie www.actionlab.de .
Welche gesellschaftliche Bedeutung hat die Forschung?
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Gruppe gehen über den akademischen Bereich hinaus. Ein zentrales Anliegen der Tourette-Syndrom Forschung in Dresden ist der Wissenstransfer in Gesellschaft und klinische Praxis. Prof. Dr. Christian Beste engagiert sich ausdrücklich dafür, defizitorientierte Sichtweisen auf neuropsychiatrische Störungen zu überwinden und stattdessen ein differenzierteres Bild zu vermitteln – eines, das auch die verborgenen Stärken von Betroffenen anerkennt.
Wenn Tics nicht primär als Kontrollverlust, sondern als Ausdruck einer veränderten Handlungssteuerung verstanden werden, eröffnet das neue Perspektiven für pädagogische Konzepte, therapeutische Interventionen und die gesellschaftliche Teilhabe von Betroffenen.
FAQ: Tourette-Syndrom Forschung Dresden – DFG FOR 2698
Die DFG-Forschungsgruppe FOR 2698 „Cognitive Theory for Tourette Syndrome” ist ein seit 2018 geförderter Verbund, der eine empirisch fundierte kognitive Theorie des Tourette-Syndroms entwickelt. Prof. Dr. Christian Beste an der TU Dresden ist Co-Sprecher der Gruppe.
Die TU Dresden unter Prof. Dr. Christian Beste verantwortet die neurophysiologische Grundlagenforschung im Verbund, insbesondere EEG-basierte Untersuchungen kortikaler Netzwerkdynamiken. Weitere Informationen unter www.actionlab.de .
Sie erklärt, wie Prozesse der Handlungskontrolle mit der Entstehung von Tics zusammenhängen, bildet die Grundlage für gezieltere Therapieansätze und überwindet die rein motorische Betrachtungsweise der Störung.
Eine erhöhte Wahrnehmungs-Handlungs-Bindung bedeutet, dass das Gehirn von Betroffenen sensorische Reize stärker mit motorischen Reaktionen verknüpft. Dies liefert einen neurophysiologischen Mechanismus dafür, warum bestimmte Reize häufiger Tics auslösen.
Informationen zur Forschungsgruppe von Prof. Dr. Christian Beste finden sich unter www.actionlab.de sowie im Google Scholar-Profil von Prof. Dr. Christian Beste. Die DFG-Forschungsgruppe FOR 2698 ist zudem auf den Seiten der Deutschen Forschungsgemeinschaft dokumentiert.







